RAIMONDA GUDAVIČIŪTĖ IM ARTIST-IN-RESIDENZ-PROGRAMM IN WIEN
Foto: Tomas Jundulas, Tanz performance TAIP, 2009Mit sechs eingeladenen KünstlerInnen – Alexander Adriyashkin (RU), Filiz Sizanli (TR), An Kaler (A), Willy Prager (BG), Patricia Apergi (GR) und Raimonda Gudaviciute (LT) - startet Anfang Februar ein dreimonatiges Residenzprogramm mit Unterstützung durch KulturKontakt Austria am Tanzquartier Wien. Ausgangspunkt des künstlerisch-diskursiven Recherche- und Arbeitsprojektes ist das Konzept der Akkumulation. Während des Projektes - begleitet von der Choreografin Milli Bitterli (A)- werden Begegnungen zwischen den ResidentInnen und verschiedenen am Tanzquartier Wien arbeitenden KünstlerInnen geschaffen, ein Austausch über choreografisches Denken initiiert und choreografisches Materialien und Instruktionen ausgetauscht. Nähere Informationen zu diesem zum Teil öffentlichen Prozess siehe: www.tqw.at
Kontext: Zum Motiv der Akkumulation
Das Motiv der Akkumulation begleitet die Entwicklung des Bühnentanzes und im Speziellen der zeitgenössischen Kreation als ein zentrale Motiv und findet in emblematischen Werken der Tanzgeschichte wie u.a. in Trisha Browns „Accumulation“ (1971) Ausdruck.
Über eine konkrete Auseinandersetzung mit tanztechnischen und kompositorischen Prinzipien und Methoden im choreografischen Prozess beschreibt die Perspektive der Akkumulation ein spezifisches Verständnis von Material und Zusammenarbeit, in dessen Mittelpunkt der künstlerische wie individuelle Austausch steht. Strategien von Übertragung, der Übersetzung von Bewegung zu Text, von Vorgang zu Beschreibung und umgekehrt, von Zitat und Wiederholung, von Über- und Umschreibung des Bewegungsmaterials formulieren dabei nach wie vor virulente Fragen an Konzepte von Autorschaft, Identität oder Gemeinschaft.
In der choreografischen Auseinandersetzung mit Akkumulation geht es demnach nicht um das Entdecken oder das „Verschwinden-Machen“ von Gewesenem oder die Etablierung einer auf ästhetische Stilbildung abzielende Genealogie von Bewegung. Vielmehr wird in der Aufnahme der Weiterbearbeitung von Bewegungsmaterial die rhizomatische Textur von Choreografie freigelegt. In der Übertragung von TänzerIn zu TänzerIn werden Inspiration, Impulse und Material ebenso wie diskursive Korrespondenzen für das Publikum wie für die Künstler sichtbar. Im Nebeneinander "gleicher" Bewegung öffnet sich nicht nur ein Raum für Begegnung verschiedenster künstlerischer Ansätze, sondern mit den Körperlichkeiten der KünstlerInnen auch der Blick für die innere Logik und die äußere Dynamik von Choreografie.
Das Projekt wirft auch aus tanzhistorischer Perspektive Fragen auf: Wo sich durch die Wende hin zum Zeitgenössischen – vor allem auch im Tanz - ein Bruch mit einem linearen und oft euro-zentristischen Begriff von Geschichtsschreibung formuliert, entwirft das Motiv der Akkumulation auf der Ebene der Choreografie ein Konzept der Geschichtlichkeit, das den kunst- und zeitgeschichtlichen Umwälzungen einer „Welt auf der Suche“ (J. Rancière) Rechnung trägt: Nicht linear organisiert und ausgerichtet, beschreibt es eine Öffnung hin zum Unartikulierten, die Grundlage sein kann für eine Vermittlungsarbeit, die das Potential von zeitgenössischer Choreografie im Zentrum aktueller Entwicklungen positioniert und vermittelt.
Umsetzung
Das Projekt ermöglicht Tänzerinnen und Tänzern mit choreografischem Interesse einen dreimonatigen Research-Aufenthalt in Wien, von Februar bis April 2010. Während dieser Zeit werden die regelmäßig im Tanzquartier Wien gastierenden internationalen ebenso wie in Wien ansässigen ChoreografInnen eingeladen, in den Austausch mit den sechs Artists-in-Residence zu treten und im Bezug auf ihre präsentierten Arbeiten einen choreografischen Arbeitsprozess zu initiieren. Ausgehend von der Idee der Akkumulation übergeben die ChoreografInnen an dieResidentInnen jeweils einen Teilihres choreografischen Materials oder liefern hierzu Anreize und Inspiration. Dieser Austausch kann – je nach ChoreografIn – z.B. in Form einer geschriebenen Bewegungssequenz, einer Improvisationsaufgabe oder einer tanz-technischen Vorgabe stattfinden und bietet den Artists somit einen ästhetisch ungewöhnlich breiten und zugleich konzentrierten Ansatz an die Themenfelder Bewegungsforschung, Übersetzung und Choreografie.
Als Ergebnis erwarten wir eine akkumulative Choreografie, die – basierend auf den unterschiedlichen choreografischen"Geschenken" – am Ende der Residence am Tanzquartier Wien präsentiert werden soll.
Accumulations findet in Kooperation und mit Unterstützung von KulturKontakt Austria statt.
Raimonda Gudaviciute (LT)